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SPD setzt sich auch inhaltlich mit Sarrazins Thesen auseinander

02.09.2010: Martin Matz setzt sich mit der öffentlichen Debatte rund um Thilo Sarrazin auseinander und ruft zur inhaltlichen Debatte auf. Kommentare sind willkommen unter debatte spd-lichterfelde.de

Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Parteimitglied ohne jede Parteifunktion derart die öffentliche Meinung beschäftigt hat wie Thilo Sarrazin. Ich weiß, dass viele den Gedanken angesichts seiner Interviewantworten zur Integration schwer erträglich finden, mit ihm in der gleichen Partei Mitglied zu sein. Jenen sei gesagt, dass sich der Parteivorstand eindeutig positioniert und ein Ordnungsverfahren eingeleitet hat. Es sei aber auch gesagt, dass ich zumindest meine Mitgliedschaft in unserer SPD nie davon abhängig machen würde, wer da noch Mitglied ist - entscheidend ist das Programm und vielleicht noch das Führungspersonal, das dieses vertreten soll. Sarrazin hat weder Einfluss auf das eine, noch gehört er zu dem anderen.

Wir wissen aber auch, dass andere das Parteiverfahren gegen Thilo Sarrazin kritisieren und sich letztlich auf seine Seite schlagen wollen - von innerhalb und außerhalb der SPD. Die Thesen von Sarrazin sind aber nicht mit dem Kern sozialdemokratischer Überzeugung vereinbar. Der Parteivorstand hat in seiner Erklärung dazu gesagt: "Im Vorfeld seiner Buchvorstellung hatte der ehemalige Berliner Finanzsenator, Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin, in verschiedenen Presseinterviews offensiv die These vertreten, dass bestimmte Verhaltensweisen von Menschen unterschiedlicher Herkunft genetisch zu begründen seien. So sei etwa die Bereitschaft zu Bildung und Integration im Erbgut festgelegt – und damit unveränderbar." Sozialdemokratie setzt aber auf Aufstiegswillen und Aufstiegschancen. All dies Bemühen seit 1863 wäre aber falsch, wenn es aus genetischen Gründen keine individuellen Aufstiegsmöglichkeiten geben könnte.

Als "Kronzeugin" beruft sich Thilo Sarrazin auf die Wissenschaftlerin Prof'in Elsbeth Stern. Sie hat sich jedoch davon abgegrenzt und in einerm Interview mit der FAZ ("Jeder kann das große Los ziehen") klar gemacht, dass Sarrazin sie missversteht. Nachzulesen bei FAZ.net

Mein zentraler Vorwurf gegen Thilo Sarrazin ist schon seit längerem, dass er immer wieder Menschen kollektiv in Schubladen packt, und nicht individuell betrachten mag. Das galt schon bei seinen Tiraden gegenüber Arbeitslosengeldbezieher/inne/n: Es gibt keine homogene Gruppe „Transferempfänger“ oder „muslimische Migranten“. Wenn man bei der Integration von Familien mit 5 oder 6 Kindern wirklich helfen will, dann betrachtet man sie als Inidividuen und nicht als Masse. Wenn wir jedes einzelne Kind betrachten und überlegen „wie kriegen wir dich in Bildung, Beruf und sozialen Aufstieg“, dann leisten wir etwas für Integration. Die vielen türkischen Unternehmensberater oder arabischen Ärzte oder Ärztinnen, die es schon längst gibt, können dabei als Vorbild dienen. Sarrazins nicht integrierbare muslimische Migrantenmasse gibt es so gar nicht. Aufstiegswille und Aufstiegschance ist immer individuell und mit unterschiedlichem (beruflichen) Ziel. Und ein klassisches Thema sozialdemokratischer Politik. Hierzu auch ein Beitrag von mir als Blogeintrag mit weiteren Internetlinks.

Für mich ist klar, dass die SPD jetzt nicht allein mit dem Parteiordnungsverfahren die Debatte bestimmen kann, und auch nicht mit der Hoffnung auf die Handlungsfähigkeit der Deutsche Bundesbank. Wir müssen inhaltlich klar machen, dass Integration noch nicht überall gelungen ist und die Kritik deshalb teilweise trifft. Gerade wir in Lichterfelde haben uns mehrfach damit befasst und bemerkenswerte Veranstaltungen mit Ehrhart Körting und Jutta Limbach dazu gehabt. Aber vor allem müssen wir auch argumentativ überzeugen, an welchen Stellen Sarrazins Position Unfug ist (siehe oben)

Die Debatte um Lösungsvorschläge wird durch Sarrazin gar nicht geführt und schon gar nicht erleichtert. Oder wie Heinz Buschkowsky sagt: "Sarrazin hat keine Tür für eine Diskussion aufgestoßen, er hat die Jalousien heruntergelassen" (Berliner Morgenpost).

Wir sollten lieber die Diskussion um Integration konstruktiv führen.

Personen:
>Martin Matz

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